Ich hab ja nichts zu verbergen… Wirklich nicht?

Juli 9, 2014

Lang ist es her, dass ich mich genötigt fühle etwas zu schreiben. Aber nun ist es wieder soweit.

„Ich hab nichts zu verbergen“, „Die wissen eh schon alles“ – Ich kann es nicht mehr hören. Es ist tragisch wie gleichgültig dieses Thema mittlerweile wahrgenommen wird.

Es ist doch so, dass fast jede Generation ihren Datenskandal hatte. Die Schweizer mögen sich beispielsweise an die Fichen-Affäre erinnern. Oder an gewisse Wachmänner der Grossbanken. Als junger Mensch bekam ich diese Skandale nur so mit, dass sie aufgearbeitet wurden. Es wurden Urteile gefällt und neue Leitplanken definiert. Heute höre ich aber nur „Ich habe nichts zu verbergen“, „Die wissen eh schon alles“, „als ob die interessiert was ich tue“. Wirklich?

Wozu werden dann blickdichte Brief- und Paket-Umschläge verwendet? Wieso darf dann der Postbote nicht wissen, was die letzte Lohnabrechnung einbrachte? Weshalb eine Mahnung ins Haus flattert? Was der Arzt aus den letzten Ferien diagnostiziert? Welche Artikel Sie bei Amazon oder Beate Uhse bestellen? Es gibt ja nichts zu verbergen. Oder ist das dann plötzlich relevant? Oder soll nur ein Kreis von ausgewählten Experten Zugriff auf solche Daten haben, die Sie ja eh nicht verbergen wollen. Ist das wirklich ein angenehmes Gefühl?

Es geht nicht nur darum, dass die Geheimdienste Daten sammeln, aufbewahren und benutzen. Das wäre eigentlich halb so schlimm. Das aber Firmen und Privatpersonen Zugriff auf diese Daten bekommen, dass ist der Knackpunkt am ganzen. Und zwar weil wir unser Verhalten nicht ändern, weil uns die Sicherheit egal ist, die Passwörter zu unterteilen zu mühselig, sich mit Verschlüsselung auseinanderzusetzen zu langweilig, Harddisks zu wipen vor der Entsorgung zu Zeitaufwendig ist, weil… weil, weil. Jeder kann die Daten seines Nachbarn quasi nachverfolgen. Ich habe letzthin aus purer Langeweile via Ebay Benutzer eine/n Direktor eines grösseren Filmfestivals, sowie CVP Politiker ausgemacht der sich für 1000 Franken Material für eine 10 Quadratmeter Cannabisanbau Halle bestellt hat. Und das ohne Aufwand. Klarnamen beim Benutzer, Adressdaten im Internetabrufbar, Telefonnummer abgleich via Telsearch und Parlament, kein Problem. Und sonst gibt es noch spezifische Personensuchmaschinen, wie beispielsweise yasni.com. Was ich mit „defekten“ Notebooks und Harddisks alles anstellen kann, dass möchtest du gar nicht wissen. Da finden sich nicht nur Bilder oder Lebensläufe, nein auch private Tagebücher, Notizen, Überlegungen, Planungen und Dinge, die die Welt nichts angehen.

Mir ist durchaus bewusst dass die Tragweite dieser Skandale schwierig zu erfassen sind. Noch schwieriger ist es mit der Technik vertraut zu werden und zu verstehen was passiert. Der durchschnittliche Benutzer denkt sich, ich klicke hier auf „Senden“ und es kommt innert Sekunden ‚dort‘ an. Das dazwischen aber 50 Poststellen global verteilt stehen, die innert diesen wenigen Millisekunden diese Pakete durchleuchten können, dass sieht er nicht einfach so. Ich hab das Glück eine Informatikausbildung genossen zu haben. Da fällt mir das leichter. In der Lehre lernten wir Programme wie z.B. Wireshark kennen, um unseren eigenen Netzwerkverkehr zu überwachen und protokollieren. Also nur zu unserer eigenen Sicherheit und unserem Schutz – aber das ist eine Philosophiefrage. Schon da wurde mir klar, was mit diesen Techniken möglich sein muss. Ebenso wird bei Informatikern an deren Ethik und Berufsehre appelliert. Meist werden wir einfach gut bezahlt, dass die Daten nicht „geleakt“ („den Weg hinaus finden“) werden. Die NSA zahlte Snowden wohl zu wenig. Oder gewährte einzelnen Administratoren zu viele Rechte. Lässt sich aber alles beheben.

Ebenfalls ist mir klar, dass es keine Kehrtwende gibt. Wir sind bereits mittendrin. Wir haben unsere Daten munter verbreitet, die Geheimdienste haben die Steilvorlage dankend angenommen und werden durch die von uns gewählten Politiker legitimiert. Das gleichzeitig die Judikative durch diverse Volksentscheidungen weiter ausgehebelt wird und den Behördenapparat unkontrollierbar machen, lasse ich mal aussen vor. Der Vorwurf an die Geheimdienste ist ebenso verfehlt wie den Politikern alleine die Schuld zuzuschieben. Ganz getreu dem Motto „Den Sie wissen nicht was Sie tun“. Im Jahr 2007 hatten wir 5 Nationalräte und 0 Ständeräte, die aus der Informatik oder Technik stammten. 24/1 (Nationalräte/Ständeräte) aus Landwirtschaft. 30/14(!) aus Rechtswesen. 24/8 aus „politische Tätigkeiten“. 33/4 waren aus dem Management. Bei 12/5 war keine Zuteilung möglich. Sport und Unterhaltung war Einer im Nationalrat vertreten.
Nun, dass war 2007 – da war das alles noch nicht so präsent. Im Jahr 2011 gab es dann die neue Zusammenstellung. Die sieht heute wie folgt aus: Technik und Informatik: 4 Nationalräte und 0 Ständeräte, Landwirtschaft: 18/0, Rechtswesen: 12/5, keine Zuteilung 3/2, Sport und Unterhaltung 1/0. Der grösste Gewinner ist die „Industrie und Gewerbe“ – von 3/0 im 2007 auf 20/3 im Jahr 2011. Auch die „Beratung“ gewann ordentlich dazu – von 6/4 im 2007 auf 19/6 im Jahr 2011.
Wer es genau will – die beiden Statistiken:
48. Legislaturperiode:

http://www.parlament.ch/d/dokumentation/statistiken/seiten/berufe.aspx
49. Legislaturperiode:

http://www.parlament.ch/d/dokumentation/statistiken/seiten/berufsstatistik-49-legislatur.aspx
(Keine Ahnung wieso die Hyperlinks so verfälscht sind, scheinen echte Profis beim Bund zu arbeiten…)

Das erklärt zum Teil, dass Themen liegen gelassen wurden, nicht für ernst befasst wurden oder einfach nicht auf dem Radar der Politiker war. Oder leider noch immer „ist“.
Und die Geheimdienste machen das, was Sie seit Jahrzehnten tuen: Ihren Job. Der halt vereinfacht wurde. Aber nicht nur durch Technik.

Denn die Hauptschuld trägt hier das Volk oder ich nenne es aus Prinzip der Benutzer. Der Benutzer des Postwesens sendet keine geheimen Informationen die nicht verloren gehen dürfen via B-Post. Dafür nimmt er es in Kauf, auf die Poststelle zu gehen, das Paket jemandem anzuvertrauen, eine Unterschrift und Bestätigung des Dienstleisters zu holen, 7 Franken zu bezahlen und ggf. eine Bestätigung anzufordern ob der Empfänger das Paket persönlich abgeholt hat. Das ist schon fast eine Art Verschlüsselung.

Der Benutzer einer E-Mail trägt Sie in jede öffentliche Mailinglist ein (Newsletter etc.), verteilt seine Visitenkarte, nimmt jeden Kontakt auf der etwas verspricht (mehr Potenz, schöne Brüste, Faltenfrei…), korrespondiert mit der Bank darüber, schliesst seine Versicherungen ab, holt sich Offerten ein, geht Kaufverträge ein, ladet sich alles auf sein Tablet, Notebook oder Handy und lässt es im Suff in den Ferien oder im Ausgang liegen. Am besten ohne verschlüsselte Hardware, ohne Tastensperrung (wobei auch diese leicht zu umgehen wäre) und ohne den Hauch eines Gedanken wie schlimm das sein könnte. „Ich habe ja nichts zu verbergen“.

Das ist den Meisten aber nicht bewusst. Den eben, ich sende – eine Sekunde später kommt es an. Das ist ein viel zu komplexer Prozess um die Tragweite zu verstehen. Es geht auch nicht darum, die Schuldzuweisung zu machen. Denn Schuldige findet man immer. Und man kann Jahrelang an der Diskussion halten, wer nun weshalb schuldig ist. Aber was nützt uns das? Wir müssen in Lösungen und nicht in Problemen denken (ich grüsse einen alten Chef von mir: NIPSIL – Nicht In Problemen Sondern In Lösungen denken).

Eine pauschale Lösung gibt es nicht. Aber man kann im kollektiv daran arbeiten. Das eigene Verhalten bestimmt die Umwelt mit. Es kann doch nicht sein, dass der allgemeine Bürger sich zufrieden gibt, wenn nach Feierabend das Bier kalt ist und RTL im TV läuft. Anstelle sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen wird via RTL Mitten im Leben darüber sinniert von wem die 14 Jährige Jaqueline-Chantal-Mandy zum vierten Mal schwanger ist! Sind wir durch den Wohlstand so träge geworden? Ist uns nicht bewusst, wie wenige Kilometer entfernt das Leben schon total anders abläuft? Das Blut vergossen wird, um die Dekadenz zu erreichen um sagen zu können „Ich hab ja nichts zu verbergen“?

Mit unserer „egalitären“ Haltung schaffen wir derzeit das rechtsstaatliche Prinzip von Verhältnismässigkeit ab, wir untergraben unsere Grundrechte, schnüren den Richtern die Hände, geben den Geheimdiensten im Auftrag der „Friedenssicherung“ Vollzugriffe auf die hintersten Winkel, lassen zu das im Auftrag des Staates Ressourcen zur illegalen digitalen Datenbeschaffung zur Verfügung gestellt werden… und so weiter.

Muss wirklich erst ein grosser Skandal uns wachrütteln? Müssen erst einmal sämtliche Daten eines Staates gekapert, dupliziert und für jeden Zugänglich gemacht werden? Damit alles einmal ans Licht kommt, wie weit das es gehen kann, wie weit unsere Schritte aufgezeichnet und unsere Tätigkeiten registriert werden? Kann man sich das wirklich nicht ein wenig ausmalen? Sind Känguruhoden-fressende-C-Prominenter wirklich wichtiger als das?

Die Geheimdienste tuen nur Ihre Arbeit, die Politiker Ihren Auftrag… das Volk sagt „Ich hab ja nichts zu verbergen“.

Danke für Korrektur und „Gegenlesung“ an Yannick Ngarambe!

Wo ist unsere Freiheit hin? (Minarett-Initiative)

November 30, 2009

Wo ist unsere Freiheit hin?

Die Freiheit ist ein kostbares Gut. Sie ist selten und im Prinzip unmöglich. Der Mensch braucht seit er denken kann Leitplanken die ihm den Weg weisen.

Benjamin Franklin sagte einst über die Freiheit:

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“

Die Schweiz hat gestern versucht Sicherheit zu gewinnen und wird am Ende viel verlieren. Sie hat sich zur Angst bekannt. Sie hat sich gegen Ihre Prinzipien gestellt und einen Entscheid in Auftrag gegeben der meinen Stolz als Schweizer aus meinem Herzen weichen lässt.

In der heutigen Zeit ist es schwierig sich zu solidarisieren mit seinem Land. Es ist eine Gratwanderung die man unvermeidlich beschreiten muss, wenn man sich zu Stolz und Ehrgefühl für sein Land bekennen will. Zwischen gesundem Stolz und insgeheimen Rassist liegen nur wenige Gesten die das Unterscheiden. So sucht man lange vergebens nach einer Identität in tendenziell liberalen Ländern. Ich habe meinen Stolz gefunden. Ich war immer Stolz auf die Schweiz, die sich über Sprachbarrieren, Geographische Barrieren, Aussenpolitische Barrieren und auch sonstige jegliche Einschränkung zu wehren versucht, die ihre eigene Meinung haben und vertreten kann, die sich nicht fürchten muss für ihre Prinzipien. Ich war stolz darauf, dass wir eine relativ gerechte und funktionierende Demokratie haben. Das wir ein föderalistisches System haben, dass mehrheitlich funktioniert. Ich habe immer stolz Menschen von nah und fern unser politisches System erklärt, wie es funktioniert, was die Vorzüge aber auch die Nachteile sind. Insbesondere war ich stolz, dass wir uns über jegliche ethische Grenzen verständigen konnten. Wir leben in einem Land, welches mit über 20 prozentigem Ausländeranteil eine der höchsten Migrationsquoten der Welt aufweisen kann. Wir haben jede Religion vertreten, wir haben die grösste Tibetische Gemeinde ausserhalb Tibets bei uns aufgenommen, wir gewähren politisch und religiös verfolgten Menschen Zuflucht und wir schaffen dies alles ohne das „Ghettos“ existieren, dass keine gewaltsame ethischen Übergriffe stattfinden, dass jeder sein persönliches Stück Freiheit bekommt. Besonders stolz darf man auch darauf sein, dass jeder Mensch eine Chance erhält. Wir mobilisieren zum Beispiel die Leute für eine Familie die den Staat betrogen hat und ausgewiesen werden soll. Die Menschen solidarisieren über jede Grenzen hinweg.

Wir verfolgen das Prinzip, dass jedem seine Freiheit zusteht solange sie andere nicht tangiert. Wir haben mehrere Gerichtsinstanzen die wir durchschreiten dürfen wenn wir unser Veto einlegen wollen. Wir leben in einem Land, welches ein Ort für ein Stadion hat, welches die Finanzierung für ein Stadion sicherstellt – und trotzdem kann dieser Bau gestoppt werden, weil unsere Gesetzgebung vorsieht, dass in unserer persönlichen Freiheit auch das Recht auf Sonne verankert  – Und somit kann ein solcher Bau bis vor das Bundesgericht verhindert werden. In einem solchen Land kann man alles verbieten wenn der Einzelne es will.

Die wohl grösste aller Freiheiten stellte bislang die Religionsfreiheit dar. In der Schweiz ist bisher jegliche Religionsausübung erlaubt, solange sie im Rahmen der eigenen Freiheit basiert. Ein Stück Freiheit, dass jeglichen Staat vor eine harte Prüfung stellt. Die Schweiz schien diesen Balanceakt zu meistern und trotzdem funktioniert es auch hier nicht. An nur wenigen Orten der Welt ist es möglich, innert eines Tages die grossen 5 Weltreligionen zu besuchen und zu beschnuppern. Ich verfolge persönlich eine agnostische Einstellung und für mich hat der „Glaube“ – egal welcher Art keine Relevanz für das jetzige Sein. Somit gibt es für mich keinen besseren Ort, als jener der bei dem alle, unabhängig von der Herkunft und Glaube ein harmonisches Leben führen können. Ich erachtete es nicht als nötig, ein Religiöses Symbol egal welcher Art zu verbieten. Erst recht nicht in einem Land, in dem ich meinen Einspruch erheben kann. Zumindest hatte ich einen Glauben: An die Freiheit der Schweiz.

Aber dann kam der 29.11.2009.

Die Schweiz hat Angst. Angst vor Klischees, überspitzten Aussagen und verdächtigem Aussehen. Der rechte Flügel der Schweizer Politiklandschaft hat ihre Hausaufgaben gemacht. Mit polemischen Plakaten, überspitzten Aussagen und einem Drohgebärde durch den drohenden Verlust der Schweizer Kultur wurde ein Misstrauen gesät, welcher bei der Abstimmung geerntet wurde. Die Linke hat ihre Hausaufgaben vernachlässigt. Zu sehr verliess man sich darauf, dass die Vorlage „bachab“ geht. Man liess den Fakt ausser Acht, dass der 11te September 2001 viel Angst, Hass und Misstrauen brachte. Hinter jedem Bart steckt ein Taliban, hinter jedem Kopftuch eine fundamentalistische Ansicht, hinter jeder Predigt einen Hass auf den Westen. Natürlich trugen die wahrlichen islamischen Fundamentalisten ihren Teil dazu bei. Die Karikaturen in Dänemark, der Mord auf offener Strasse in Holland und insbesondere in der Schweiz die Affäre mit Libyen. Grosskotzig wurde getitelt, der Islam sei 800 Jahre hinter dem Christentum, die Gewalt erinnere an die Kreuzzüge. Keiner spricht darüber, dass in Irland seit Jahrzehnten ein blutiger Religionskrieg der Christen herrscht, dass etliche Priester in Kindesmissbrauchsfälle verwickelt sind oder ein Kirchenoberhaupt,  welches Kondome am liebsten verbannen will. Das ist erst die Spitze des Eisberges. Es wird vergessen, dass auch im Namen Jesus viel Leid in die Welt getragen wird.

Weiter wurden Schlagwörter verwendet, die die meisten nicht zu deuten wissen. Von „Einführung des Scharia Rechts“ bis zu „israelischen Zuständen“ wurde gesprochen, von einer schleichenden Islamisierung war die Rede und Schauermärchen von verbotenen Weihnachtsliedern machten die Runde. Doch in der Praxis sieht man dies eher selten. Natürlich müssen alle, auch die muslimische Bevölkerung das Christentum akzeptieren und die Bräuche der Schweiz anerkennen. Aber tun sie das nicht? Auch muslimische Mitbürger wünschen mir schöne Weihnachten, auch muslimische Mitbürger lächeln fröhlich über den „Samichlaus“ (Anmerkung: Nikolaus) oder suchen versteckte Eier – Und das sind wahrlich die eigenartigeren Bräuche als 4-mal pro Tag zu beten. Die muslimischen Menschen müssen sich vor den Kopf gestossen fühlen. Und ich schäme mich, im Namen der Schweiz vor jedem Muslimen. Das bisher problemlose Zusammenleben wird auf eine harte Probe gestellt und dies nur, weil Leute anders glauben. In der heutigen Zeit, nach einem zweiten Weltkrieg in unmittelbarer Nähe, sollten doch ethische Vorurteile der Vergangenheit angehören. Man sollte sich doch darauf besinnen, dass wir alle aus Fleisch sind, dass jegliches Blut der Welt rot fliesst, dass hinter jeder Maskierung ein menschliches Wesen mit dem Bedürfnis nach Harmonie lebt. Wir sollten die Moral siegen lassen, wir sollten imstande sein, über Dinge hinwegzusehen die uns unverständlich erscheinen. Vielfach vergessen wir, dass wir selbiges von anderen erwarten. Wir erwarten dass ein Bankgeheimnis respektiert wird, dass wir nicht der EU beitreten wollen, dass wir uns Neutral verhalten – Und trotzdem sind es wir, die mit dem Finger auf andere zeigen und ihnen Verbote erteilen. Gerade wir.

Wir hatten die Freiheit stets vor Augen. Am meisten schäme ich mich dafür, dass rassistische Symbole nicht verboten werden, aber religiöse sollen es. Wir leben durch die gestrige Entscheidung eine Doppelmoral welche uns mehr als nur die Freiheit kostet. Wir stossen Menschen erneut vor den Kopf, wir entscheiden uns nicht für Ethik sondern für den Kapitalismus, den eigenen Wohlstand und dem Bestreben, ein besserer Mensch zu sein. Diese Doppelmoral ist nicht neu, allerdings wurde sich noch nie öffentlich so beherzt dazu bekannt.

Wir haben gestern nicht unsere Kultur gesichert. Unsere Kultur war mehr Wert als jede Religion. Wir haben gestern keinen Massstab gesetzt. Unseren Massstab haben wir herabgesetzt. Wir haben gestern keine Sicherheit errungen. Unsere Sicherheit haben wir aufs Spiel gesetzt. Wir haben gestern nicht unsere Identität gewahrt. Unsere Identität haben wir begraben. Wir haben gestern bewiesen, dass wir gewöhnliche Menschen sind. Getrieben von Angst, Hass und Ignoranz. Wir haben uns bekannt zur Angst.

Gezeichnet, Tajno Schönenberger (1987), Zürich